noch garnicht lange her, da verfasste Dieter Wellershoff, der bekannte Kölner Schriftsteller, eine treffende und wunderbare Lyrik über eines unserer Konzerte, das er miterlebt hat:
"Ins Sein gelangen"
Eine Wortkette für eine Sprecherstimme zur Begleitung einer musikalischen Improvisation. Gewidmet Klaus dem Geiger, Mani Neumann und Christoph Broll von Dieter Wellershoff nach dem Adventskonzert in der Lutherkirche am 3. Dezember 2006. (Erweiterte Fassung vom 20. Februar 2007)
Nichts: Noch nichts. Kein Anfang, kein Ende. Nur Vibrationen. Schwingungen des Raums.
Versuchen den Anfang zu finden. Sich lösen. Den ersten Schritt wagen.
Am Anfang sein. Bei sich selbst sein. Versuchen zu beginnen.
Sich von sich selbst entfernen. Wieder zu sich kommen. Sich sammeln. Sich besinnen. Ich bin hier. Jetzt und jetzt in diesem Augenblick. Du bist dieser Augenblick. Nicht mehr als dieser Augenblick. Augenblick der augenblicklich vergeht. Jetzt und wieder jetzt. Jetzt nicht.
Du bist es, der sich sucht. Der hinter sich her ist und sich verfolgt. Der fliehenden Gewissheit folgt. Der sich findet und verliert. Sich hier und jetzt im Noch-nicht verliert. Im Hier und Da. Im Dann und Wann. Im Einen und im Anderen. Der sich verläuft, verfehlt. In der Weite der Beliebigkeit. Keine Richtung, keine Richtigkeit. Irgendwo. Irgendwer. Jemand, der sich abhanden kommt. Sich abhanden gekommen ist.
Im Noch-nicht. Im Dunkel des Noch-nicht. Im Vielleicht-einmal. Im Warten.
Warten. Nicht mehr warten. Nur dämmerndes Vorhandensein. Ein Rest, schwindend. Erinnerungen schwindend. Fernes Schimmern. Ein Blinken. Ein Blitzen. Ferne Stimmen, unverständliche Rufe in der Abwesenheit. Stille. Unfasslich schwingende Stille des Nichtseins. Raum ohne Zeit. Das Jetzt ist die Insel der Zeit. Der Raum ist das Verschlingen der Zeit.
Hier sein und dort. Lichtpunkte. Glimmend. Einige erlöschen. Andere erscheinen anderswo, berühren sich, verschmelzen. Plötzliches Sprühen. Ein Aufleuchten. Sichtbar werdender Horizont. Ein Ort, eine Zeit, um da zu sein. Sich erinnern. Sich an sich selbst erinnern. Sich wiederfinden.
Da sein wollen. Da sein können. Ins eigene Sein gelangen. In das Selbstsein. Zum Miteinandersein. Eins werden wollen. Das Seine finden. Teil des Ganzen werden. Aufgehoben im Ganzen, jetzt und überall. Das Aufblühen des Inneren, das Innewerden des Äußeren. Das Ein und Alles umfassend. Das Unfassliche umfassend. Von überall zusammenfindend im Jubel und Jauchzen der Teilhaftigkeit.
Ewiger Augenblick. Glückendes Glück. Gegenwärtigkeit.
Jetzt und immer. Wieder und wieder.
Das Gras, das wächst, das Laub, das leuchtet, der sanfte Wind, die ziehenden Wolken. Der Wellenschlag. Ewiger Wellenschlag. Der Sternenhimmel. Die Sonne, die über den Horizont steigt. Das Glück da zu sein. Das Leben geschehen lassen. Nichts Falsches mehr. Die Einheit des Verschiedenen. Farben und Formen. Bewegungen. Veränderungen. Der Rhythmus. Der Klang der Welt.
Schließe Deine Augen und lausche. Alles wirst du wiederfinden. Tag für Tag. In fließender Dauer.
Anschein der ewigen Dauer in der kürzer werdenden Zeit.
Wachsen, mehr werden, sich erfüllen.
Die Vielfalt erfahren, das Seine tun.
Das Leben geschehen lassen. Den Tag, die Nacht. Die Jahreszeiten.
Die Blätter färben sich und fallen. Die Knospten sprießen. Das Gras wächst.
Wie lange noch?
Wie lange noch kannst du es sehen? Dem Klang der Welt lauschen? Aus welcher Ferne sein Verstummen hören? Hören und Sehen vergessen? Den Anfang im Ende suchen. Und vergessen. Den Anfang vergessen. Das Vergessen vergessen. Den Weg verlieren. Das Dagewesensein vergessen. Im Nichtmehrsein.
Wie lange noch bis zum Ende der eigenen Zeit? Das Vergehen, das Weniger-werden der geschenkten Zeit. Das Vorübergehen. Nirgendwo hingehen. Ins Nie-mehr und Nirgendwo gehen.
Jeder Abschied ist schwer.
